Beueler Impressionen
Das Mehlem’sche Haus
Das Mehlem’sche Haus wurde im Jahre 1785 von Johannes Paul Mehlem im damaligen Dorfe Combahn errichtet. Es ist damit eines der ganz wenigen Wohngebäude im heutigen Beuel, das ein derartiges Alter aufweisen kann. Denn im Februar 1784 hatte ein verheerendes Hochwasser fast alle Wohngebäude auf der rechtsrheinischen Niederterrasse fortgerissen. Auf diese Überschwemmung weist auch eine Hochwassermarke im Kreuzgang des Bonner Münsters hin - direkt rechts hinter der westlichen Tür zum Kreuzgang in einer Treppenplatte.Wenn man sich fragt, wie das Hochwasser bis ins Münster hatte reichen können, so ist dies mit dem damaligen Eisgang zu beantworten. Im Januar 1784 war der Rhein zugefroren und man ist sogar mit Wagen darüber gefahren. Als Tauwetter einsetzte und das Eis zu Schollen brach, sind diese nicht gefahrlos abwärts getrieben, was man stets mit Stangen oder Sprengungen herbeizuführen versuchte, sondern sie verkeilten sich und bildeten eine Barriere, die das nachfließende Wasser aufstaute und rasch zu der ungeheuren Überschwemmung führte. Insofern können wir froh sein, dass der Rhein heutzutage kaum mehr zufriert – wohl auch wegen seiner großen Salzfracht.
Johannes Paul Mehlem brachte mit dem Bau des neuen Hauses seinen Wohlstand zum Ausdruck. Dieser beruhte nicht zuletzt darauf, dass er Inhaber des Fährrechtes zwischen Bonn und Beuel war, welches von seinem Schwiegervater auf ihn überkommen war. Derartige Rechte wurden also in der Familie vererbt, da sie offensichtlich lukrativ waren.
So wurden denn auch beim Bau der ersten Rheinbrücke die seinerzeit Fähr-Berechtigten von der Stadt Bonn mit 220.000 Goldmark abgefunden. Denn das Fährrecht wurde durch den Brückenbau entwertet.
Die sogenannte Gierponte legte auf Beueler Seite etwa beim Gefallenen-Denkmal an. Sie ähnelte von Gestalt den heutigen Autofähren in klein und konnte auch Pferdefuhrwerke übersetzten. Ihr Antrieb war die Strömung des Flusses, genau wie heute noch bei der Bergheimer Siegfähre. Allerdings wurde die Gierponte nicht mit einem den Strom querenden Seil auf Höhe gehalten, sondern eine sehr lange, mit Nachen gekennzeichnete Kette, war in Strommitte verankert, an der die Ponte quasi von Ufer zu Ufer schwang, je nachdem wie sie mit ihren langen Ruderblättern in die Strömung gedrückt wurde. Schon Cäsar beschreibt das Prinzip in De bello gallico. Ein Modell ist im Heimatmuseum zu bewundern.
Zurück zum Mehlem’schen Haus: Es hat einen sehr merkwürdigen Keller, der vermutlich auf den Vorgängerbau zurück geht. Seine Wände verlaufen nämlich schräg gegenüber den Aufbauten und er deckt nur einen Teil des Gebäudegrundrisses ab. Dadurch standen die Seitenwände ohne ordentliches Fundament da, was zu erheblichen Setzrissen führte.
Nach dem Aussterben der Familie Mehlem in Beuel im Jahre 1852 hatte das Haus verschiedene Besitzer und wurde schließlich 1917 von der Stadt Bonn gekauft, was ihm gar nicht gut bekam. Es kam immer mehr herab, wobei die Verantwortlichkeit zwischen den Städten Bonn und Beuel hin und her geschoben wurde. In den 70er Jahren schließlich waren zum Beispiel einige Fenster zugenagelt, andere völlig ohne Glas oder sonstigen Schutz, so dass Wind und Wetter Einzug hielten! Dadurch wurde das Gebäude in einen Zustand gebracht, der eigentlich nur noch den Abbruch nahe legte.
In höchster Not und letzter Sekunde bildete sich 1975 der Verein „Haus Mehlem e.V.“, der so viel Druck aufbaute, dass die Stadt sich endlich zu ihrer Verantwortung bekannte und eine grundlegende Sanierung veranlasste. Das war ein teures Unterfangen, zumal so weit wie möglich die alten Gebäudeteile erhalten wurden. Nach der Sanierung wurde das Gebäude seit 1979 wieder als Beueler Dependance der Musikschule genutzt und es ist damit einem sehr geeigneten Zweck zugeführt, was jeder bestätigen wird, der einmal einem der stimmungsvollen Konzerte im ersten Stock beigewohnt hat. Außerdem fühlen sich nun viele durch ihre dortigen Erfahrungen mit diesem Hause verbunden.
Was lehrt uns das? Die Stadt, die beim Bürger den Denkmalschutz durchsetzt, hat sich selber überhaupt nicht darum geschert, und auch die Mandatsträger haben sie nicht dazu gezwungen. Allerdings muss man den damals Verantwortlichen zu Gute halten, dass in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem letzten Krieg alles möglichst neu sein musste und das Alte nicht geschätzt wurde. Viele heute als gesichtslos empfundene Städte, die im Krieg schwer zerstört und hernach „im modernen Stil“ wieder aufgebaut wurden, legen davon beredtes, trauriges Zeugnis ab.
Erst später kam mit der zunächst belächelten Nostalgiewelle der Sinn für die Schönheiten unseres Erbe auf und die Notwendigkeit, dieses zu erhalten, erhielt einen ganz anderen Stellenwert – leider für vieles schon zu spät! Deshalb sollten wir heute immer wieder daran denken, dass wir alle im Zeitgeist befangen sind, wenn uns Planer oder sonstige Fachleute ihre Vorschläge unterbreiten. Zwar müssen wir stets auch auf die weitere Entwicklung unserer Stadt bedacht sein. Aber die Frage, was werden unsere Kinder und Enkel zu unseren Entscheidungen sagen, kann nie verkehrt sein.
R. Peter Dach










