Beueler Impressionen
Der Beginn der Industrialisierung Beuels





Im Boden der nach Norden und Westen hin abfallenden Hochebene rund um Nieder- und Oberholtorf befindet sich auch heute noch Braunkohle, die mindestens seit dem 18. Jahrhundert abgebaut wurde. Der Abbau fand zunächst mit einfachen Mitteln in sogenannten Pingen (= Kuhlen) dort statt, wo die Braunkohle an die Oberfläche trat, und diente überwiegend dem eigenen Verbrauch. Das änderte sich, als im Jahre 1804 die Familie Bleibtreu auf den Plan tritt, zunächst in Gestalt des aus Neuwied kommenden Karl Philipp Bleibtreu, der die Kohle in einer Grube mit dem schönen Namen „Maria Fundgrube“ ausbeutete. Schon zwei Jahre später legte dessen Sohn Leopold die sogenannte Leopold-Grube an, die ein zehn Fuß mächtiges Kohlenlager erschloss. In dieser Zeit wurde zahlreiche weitere Gruben „gemutet“.
Leopold Bleibtreu stellte aufgrund seines vielfältigen Engagements eine herausragende Persönlichkeit dar. So führte er den hiesigen Landsturm bei den Rückzugsgefechten der napoleonischen Truppen an. Im Auftrag des russischen Zaren war er im Saarland tätig, wofür er hoch dekoriert wurde, und im späteren Karmeliter-Kloster in Pützchen hatte er nach der Säkularisation einen seiner landwirtschaftlichen Betriebe eingerichtet. Bei seinen Bemühungen um die Ennert-Braunkohle war er zunächst nicht erfolgreich, konnte dann aber doch das Blatt zu seinen Gunsten wenden.
Ihm hatte eigentlich vorgeschwebt, die Braunkohle als Ersatz für Holzkohle zu verwenden. Das funktionierte aber nicht und beim Versuch des Einsatzes in der Bleiverhüttung machte ihr hoher Schwefelgehalt das Metall spröde, woraufhin sie sich als unverkäuflich erwies. Bei diesen Versuchen zeigte sich aber eine andere Verwendungsmöglichkeit der Braunkohle: Eher zufällig hatte sich an einer in Glut geratenen und feuchten Halde eine helles Kristall gezeigt, das sich als Alaun erwies. Dieser Stoff wurde nicht nur zum Blutstillen, sondern in größeren Mengen in der Textilverarbeitung benötigt und bislang überwiegend aus Lüttich eingeführt
Bleibtreu entwickelte nun in der Praxis das Verfahren, um der Braunkohle den Alaungehalt zu entziehen, das hier nicht in allen Entwicklungsschritten, sondern nur ganz grob in seinem Endzustand geschildert wird: Ein Brei aus Wasser und präparierter Kohle wurde in großen Becken zum Verdampfen gebracht, so dass sich an den Rändern und hinein gesteckten Birkenreisern das gesuchte Kristall absetzte. Auf diese Weise wurden im Jahr durch mehrere Hütten je nach Quelle bis zu 50.000 Zentner Alaun produziert. Denn schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es weitere Produzenten in diesem lukrativen Geschäft.
Von diesen Alaunsiede-Fabriken sieht man noch letzte Gemäuer-Reste in der Fuchskaule, nicht weit südöstlich von der Oberkasseler Straße. Dort liegt auch ein mächtiger Schornstein-Mund. Diese Gebäude dürften allerdings nicht zu den Bleibtreu’schen Produktionsstätten, sondern zu der ihres Konkurrenten Jäger gehört haben. Von den Gebäuden ist so wenig übrig geblieben, weil man die Ziegelsteine „recycelte“ und zum Beispiel bei der Errichtung der Niederholtorfer Kirche von 1927 verwandte. Bei dem stehen gebliebenen Mauerwerk sei der Mörtel zu hart gewesen, um die Steine herauszubrechen.
Diese Verwendung stellt eine kleine Wiedergutmachung für die furchtbare Belastung dar, der die Bevölkerung ausgesetzt war. Die fortwährende Eindampfung führte zu großen, nach Schwefel stinkenden Wolken, die die Bronchien reizten und sie erkranken ließen. Bürgermeister Stroof wehrte sich denn auch vehement gegen weitere Fabriken dieser Art trotz der in Aussicht stehenden Arbeitsplätze. Schon damals also wurden diese beiden Gesichtspunkte gegeneinander ausgespielt.
In der Landschaft kann man noch gerade Wege und Dämme erkennen, auf denen Gleise zum Transport der Braunkohle mit Pferdebahnen verlegt waren. Außerdem zeigen sich u.a. zwischen Oberholtorf und Vinxel Dellen im Gelände, die auf den untertägigen Abbau und das dadurch verursachte Nachsacken des Bodens zurückzuführen seien. Vollständig erhalten ist aber das ehemalige Verwaltungsgebäude der Bleibtreu’schen Hütten an Pützchens Chaussee, in dem seit geraumer Zeit die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschaden-verhütung untergebracht ist.
Leopold Bleibtreu starb am 11. September 1839 und an seiner Beerdigung sollen über 1.000 Leute teilgenommen haben. Wenn man sich heute den kleinen evangelischen Friedhof in Holzlar anguckt, fragt man sich, wo die alle untergekommen sein mögen. Diesen Friedhof hatte nicht die Familie Bleibtreu angelegt, sondern schon früher ein evangelischer Landwirt in seinem Obstgarten, da ihm und seiner Familie der katholische Friedhof verschlossen blieb. Allerdings hat die Familie Bleibtreu dort unter Beteiligung des evangelischen Pfarrers Kinkel aus Oberkassel Grund erworben für ihre Grabstätten sowie für die der von ihnen angeworbenen evangelischen Arbeiter.
Die Geschichte der großen Familie Bleibtreu ist an anderer Stelle nachzulesen. Für unser Thema gewann der Sohn Herman Bleibtreu besondere Bedeutung. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er mit einem Bruder die Leitung der Gruben und Hütten. 1853 brachte er diese in den mit zahlreichen ehemaligen Konkurrenten neu gegründeten Bonner Bergwerks- und Hütten-Verein ein, dem er als Generaldirektor vorstand. Den BBHV veranlasste er im Jahre 1856, am Rhein bei Oberkassel nach englischem Vorbild eine Fabrik zur Produktion von Portland-Zement zu gründen, nachdem er wenige Jahre zuvor bei Stettin eine solche Fabrik aufgrund eigener Patente in Betrieb genommen hatte. In Oberkassel sollte es auch zum Einsatz der Braunkohle vom Ennert kommen, was jedoch nicht funktionierte.
Gleichwohl prosperierte die Zementfabrik, so dass dort viele einen neuen Arbeitsplatz fanden, als die Braunkohle-Förderung und Alaun-Gewinnung im Jahre 1876 eingestellt werden musste. 1860 war nämlich auf Grönland (!) eine Methode zur Sodaproduktion entwickelt worden, bei der Alaun erheblich billiger als Abfallprodukt anfiel. Es ist bemerkenswert, wie gut sich die Landschaft in den vergangenen gut hundert Jahre erholt hat. Damit ging die Umwandlung des arbeitsplatzschaffenden Gewerbes von heftig emittierender Industrie zu sauberer Hochtechnologie und qualifizierten Dienstleistungen einher, wie man es gerade auf dem Gelände der ehemaligen Zementfabrik sieht.
Peter Dach
Benutzte und weiterführende Literatur
Falk, Friedrich, Ein vergessenes rheinisches Braunkohlenrevier, Siegburg 2002
Neu, Heinrich, Geschichte der Gemeinde Beuel, Beuel 1952 (Faksimile Nachdruck 2000)
Schüller, Christian, Die Alaunhütten auf der
Ennert-Hardt, ohne Erscheinungsort und -jahr
Wolfgarten, Horst, Unsere engere Heimat, das größte zusammenhängende Abbaugebiet für Braunkohle um die Mitte des 19. Jahrhunderts, ohne Erscheinungsort und –jahr











